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Alban Berg mit fünf Atemzügen

Autorenbild: Manuel Rösler
Manuel Rösler
3. Okt.
3 Min. Lesezeit

Das Problem beginnt beim Zählen.

 

Fünf Instrumente, sieben Stimmen

 

Alban Bergs Vier Stücke op. 5 sind für Klarinette und Klavier geschrieben, und der Klaviersatz ist stellenweise so dicht, dass dort vier, fünf, sechs, manchmal sieben Stimmen gleichzeitig unterwegs sind. Ein Bläserquintett hat fünf Instrumente. Und eine Flöte kann, bei allem Respekt vor ihren sonstigen Fähigkeiten, nicht zweistimmig spielen.

 

Damit war ziemlich früh klar, dass eine Bearbeitung nicht darin bestehen konnte, die Klarinette als Soloinstrument zu behalten und den Klaviersatz möglichst geschickt auf Flöte, Oboe, Horn und Fagott zu verteilen. Dann wäre die ursprüngliche Hierarchie erhalten geblieben: hier die Klarinette, dort ihre Begleitung, nur eben in vier verschiedenen Farben. Mich interessierte etwas anderes. Das gesamte Material sollte zum Material des Quintetts werden.

 

Das bedeutet zunächst etwas, das beim Bearbeiten immer ein wenig unangenehm ist: Man muss Töne streichen.

 

Bei einem siebenstimmigen Klaviersatz und fünf einstimmigen Blasinstrumenten hilft keine besondere Verehrung für den Komponisten. Irgendwann muss entschieden werden, welcher Ton tatsächlich eine Funktion trägt, welcher eine Farbe verstärkt und welcher entbehrlich ist. Ich entschuldige mich also postum bei Alban Berg dafür, dass ich mich regelmäßig für Letzteres entschieden habe.

 

Ganz leicht war das nicht.

 

Gerade bei Berg kann ein Ton, der auf den ersten Blick wie ein Bestandteil eines dichten Akkordes aussieht, an anderer Stelle plötzlich eine Linie fortsetzen oder eine harmonische Spannung herstellen, die erst zwei Takte später verständlich wird. Man kann den Klaviersatz deshalb nicht einfach ausdünnen wie eine zu dicht gewachsene Hecke. Man muss versuchen herauszufinden, wo die Energie sitzt.

 

Manchmal ergeben sich daraus Lösungen, die vom Original ziemlich weit wegführen und ihm gerade dadurch näherkommen.

 

Das große Oboensolo

 

Im langsamen Satz ist aus dem, was ursprünglich ein Klarinettensolo mit Klavier ist, bei mir weitgehend ein großes Oboensolo geworden. Natürlich verliert man damit etwas. Im Original gibt es diesen sehr besonderen Gegensatz zwischen einem einzelnen Blasinstrument und dem kristallinen, vollkommen anders erzeugten Klang eines Klaviers. Holzbläser gegen Tasteninstrument. Atem gegen Anschlag. Diesen Kontrast kann ein Bläserquintett nicht nachbilden.

 

Dafür entsteht etwas anderes: ein musikalisches Miteinander, in dem die fünf Instrumente tatsächlich auf derselben Ebene miteinander sprechen. Niemand ist dauerhaft Solist, niemand dauerhaft Begleitung. Alle fünf übernehmen Aufgaben, die vorher entweder der Klarinette oder dem Klavier gehörten.

 

Und dann kommen die ganz banalen Probleme.

 

Berg schreibt beispielsweise Passagen, in denen sehr viel in der kleinen Oktave passiert. Im Quintett habe ich dafür im Wesentlichen Klarinette, Horn und Fagott. Flöte und Oboe kommen dort schlicht nicht hin. Man kann also entweder anfangen, das Original unter Missachtung der Instrumentenphysik zu verteidigen, oder man akzeptiert, dass sich die musikalische Energie verlagern muss.

 

Paradoxe Ersetzung

 

Ich bin bei Bearbeitungen ohnehin ein Freund dessen, was ich für mich paradoxe Ersetzung nenne. Wenn etwas im Original seine Wirkung daraus gewinnt, dass es besonders tief liegt, muss die Entsprechung in einer anderen Besetzung nicht zwangsläufig ebenfalls besonders tief sein. Es kann unter Umständen wirkungsvoller sein, es radikal nach oben zu setzen. Man übernimmt dann nicht die Lage, sondern den Energiezustand. Der Effekt bleibt stark, gerade weil seine Farbe eine andere geworden ist.

 

Das ist für mich überhaupt der Unterschied zwischen Übertragen und Bearbeiten.

 

Man kann versuchen, jedem Ton des Originals einen neuen Platz zuzuweisen. Oder man fragt, was dieser Ton dort eigentlich tut.

 

Und gelegentlich stellt sich dann heraus, dass er gar nicht mitkommen muss.

 
 
 

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