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Punk für Studienräte

Autorenbild: Manuel Rösler
Manuel Rösler
3. Okt.
3 Min. Lesezeit


„Dada ist das Leben ohne Pantoffeln.“

 

Es gibt Sätze, die erklären nichts und sitzen trotzdem sofort richtig.

 

Nach dem Krieg

 

Dada musste nach dem Krieg kommen. Dafür brauchte ich keine komplizierte dramaturgische Theorie, ein Blick ins Geschichtsbuch reicht. Die eigentliche Frage war eher, wie man Dada auf die Bühne bringt, ohne daraus den üblichen kleinen Museumsschrank zu bauen: Zürich 1916, Cabaret Voltaire, Hugo Ball im Pappkostüm, Tristan Tzara mit Schere und Zeitung, bitte weitergehen.

 

Mich nervt an Dada übrigens nichts.

 

Ich finde Dada großartig, weil es Humor auf höchstem Niveau ist und gleichzeitig etwas hat, das viel später Punk heißen wird: eine lustvolle Verweigerung, das zu tun, was eine gebildete bürgerliche Gesellschaft gerade für schön, angemessen oder künstlerisch wertvoll hält. Punk für Studienräte, lange bevor irgendjemand Sicherheitsnadeln durch Jacken steckte.

 

Natürlich ist Dada auch eine Reaktion auf den Krieg. Für mich vor allem auf die bürgerliche Kultur, die diesen Krieg nicht verhindert, sondern zu großen Teilen mitgetragen, ästhetisch begleitet und mit den passenden Begriffen ausgestattet hatte. Ehre, Opfer, Vaterland, Größe. Wenn eine solche Sprache vier Jahre lang zuverlässig funktioniert hat, ist es nicht ganz abwegig, hinterher erst einmal die Wörter aus einer Zeitung auszuschneiden, in eine Tüte zu werfen und neu herauszuziehen.

 

Dass dabei gelacht wird, macht die Sache nicht weniger ernst.

 

Vielleicht im Gegenteil.

 

Hugo Ball und Alissia

 

Mit Hugo Ball kann ich besonders viel anfangen. In der Vorbereitung auf ZEITENWENDEN habe ich mit Alissia unter anderem das bruitistische Krippenspiel gelesen. Ich hatte durchaus damit gerechnet, dass sie es lustig findet. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass sie sich praktisch nicht mehr einkriegt.

 

Das gefiel mir sehr.

 

Da sitzt eine Zwölfjährige mehr als hundert Jahre später und versteht ohne Einführung, Fußnoten und Seminarapparat ziemlich genau, wo der Witz sitzt. Wir haben danach beschlossen, das Stück irgendwann in unserem traditionellen Weihnachtskonzert mit den Kinder- und Jugendchören zu machen. Dada ist offenbar langlebiger als manche pädagogische Methode.

 

Cringe

 

Für ZEITENWENDEN wollte ich deshalb auch keinen historischen Dada-Dialog schreiben, der so klingt, als hätten zwei Figuren ein besonders korrektes Referat vorbereitet. Alissia und ich sprechen in der Gegenwart. Das gehört zur Sache.

 

Im Text sagt sie:

 

„Dada zweifelt an allem.“

 

Ich frage:

 

„Alles?“

 

„Alles.“

 

Später kommt „cringe“ vor.

 

Das ist natürlich absichtlich. Zum einen, weil ich Dada nicht in einer Glasvitrine lassen wollte. Zum anderen, weil sich in diesem Dialog noch eine zweite, ziemlich gegenwärtige Reibung versteckt: Alissia ist Jahrgang 2014, ich 1972. Wenn man unbedingt Generationenbuchstaben braucht, sitzt da also Generation Alpha neben Generation X.

 

Und Generation Alpha reagiert auf ältere Menschen, die Jugendsprache benutzen, ungefähr so tolerant wie Dada auf bürgerliche Kultur.

 

Ich pflege allerdings selbst ein paar sprachliche Sedimente aus den achtziger Jahren und bekomme durch meine Arbeit mit Kindern und Jugendlichen regelmäßig neue geliefert. Dass die Jüngeren es besonders unangenehm finden, wenn Erwachsene ihre Wörter übernehmen, erhöht für mich den Reiz erheblich.

 

Nichts ist zuverlässiger cringe, als wenn ein Erwachsener beweisen möchte, dass er weiß, was cringe bedeutet.

 

Im Stück weiß ich es.

 

Das macht es nicht besser.

 

Solche Stellen funktionieren nur über Timing. Das wissen Alissia und ich inzwischen ziemlich gut voneinander. Wir haben einen ähnlichen Humor, aber sie hat den großen Vorteil, dass sie mir auf der Bühne jederzeit glaubhaft vermitteln kann, dass ich gerade etwas vollkommen Unmögliches gesagt habe. Meistens stimmt es.

 

Mir ist dabei nicht besonders wichtig, dass nach diesem Abschnitt jemand fünf korrekte Sätze über Dada aufsagen kann. Es reicht mir völlig, wenn man für ein paar Minuten in diese Haltung hineingerät: nichts ist heilig, alles kann Material werden, ein sinnvoller Satz hat kein automatisches Vorrecht vor einem unsinnigen, und sobald jemand erklärt, was Kunst zu sein hat, wird es interessant, genau das nicht zu tun.

 

Désintégration und Tzara

 

Deshalb verändert sich nach dem Kriegsblock auch die Musik. Ich habe dafür Désintégration geschrieben. Der Titel sagt schon ziemlich deutlich, was dort passiert. Nach Hessel, Minna, Debussy, Laforgue und Ravel kann die musikalische Ordnung nicht einfach so weitermachen, als hätte es nur eine längere Pause gegeben.

 

Dann kommt Tzara.

 

Man nehme eine Zeitung.

 

Man nehme eine Schere.

 

Eigentlich ist damit alles Nötige gesagt.

 
 
 

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