top of page

Was ist ZEITENWENDEN?

Autorenbild: Manuel Rösler
Manuel Rösler
3. Okt.
4 Min. Lesezeit

Im Rheinland sagt man gern: Wollen wir uns mal einen schönen Abend machen?

 

Das ist möglicherweise keine schlechte Beschreibung für ZEITENWENDEN. Jedenfalls eine bessere als „Kammermusikkonzert“.

 

Alles zusammen

 

Natürlich sitzt da ein Bläserquintett, und natürlich wird ziemlich viel Kammermusik gespielt. Debussy, Ravel, Satie, Alban Berg, dazu Bearbeitungen und neue Musik von mir. Nur beginnt daneben irgendwann ein Stummfilm, Alissia spricht einen Feldpostbrief, der Eiffelturm meldet Wetter und Börsenkurse, Dada erklärt sich selbst und versteht anschließend noch weniger als vorher, und zwei Figuren laufen durch zehn Jahre europäische Geschichte, ohne sich sonderlich darum zu kümmern, welchem Genre das gerade entspricht.

 

Musiktheater ist es also auch.

 

Konzert ebenfalls.

 

Collage sowieso.

 

Melodram kommt darin vor, dokumentarisches Material auch.

 

Alles zusammen trifft es vermutlich am besten.

 

Was diese Dinge verbindet, ist zunächst etwas sehr Banales: Sie gehören in dieselbe Zeit. Debussy hätte ohne weiteres ins Kino gehen und einen Film von Max Linder sehen können. Max Linder wiederum hätte Debussy im Konzert hören können. Satie bewegte sich tatsächlich zwischen sehr verschiedenen musikalischen und künstlerischen Kreisen, Ravel lebte in derselben Stadt, Berg schrieb 1913 seine Vier Stücke, irgendwo in Schleswig-Holstein saß einige Jahre später die dreizehnjährige Minna Bunkus und strickte für einen Soldaten, dessen Namen sie nicht kannte.

 

Sie gehören nicht alle zur selben Geschichte.

 

Aber sie lebten in derselben Welt.

 

Das ist ein Unterschied.

 

Deshalb wollte ich auch nie einen Abend bauen, in dem anschließend erklärt wird, wer wen beeinflusst hat, wer mit wem im Café saß und an welchem Dienstag irgendein Komponist irgendeinem anderen Komponisten irgendeinen Brief geschrieben hat. Solche Dinge können interessant sein. Für ZEITENWENDEN sind sie meistens nicht wichtig.

 

Interessanter ist, dass Dinge gleichzeitig passieren.

 

Während irgendwo ein neues Musikstück entsteht, sitzt jemand im Kino. Während die Kunst neue Formen erfindet, verdient ein dreizehnjähriges Mädchen bei fremden Leuten sein Brot. Während Paris wieder tanzt, liegen Teile Frankreichs noch in Trümmern. Und irgendwann kommt aus einem Apparat eine Stimme und liest Wetterbericht, Börsenkurse und Nachrichten aus Tokio vor.

 

Paris als Zentrum

 

Dafür brauchte der Abend einen Ort.

 

Es hätte Berlin sein können. Vielleicht auch Wien. Vielleicht sogar Warschau. Aber Paris erwies sich schnell als das bessere Zentrum, weil diese Stadt gerade nach dem Ersten Weltkrieg wieder Menschen aus vollkommen verschiedenen Richtungen anzog: Russen nach der Revolution, Amerikaner, die während und nach dem Krieg nach Frankreich gekommen waren, Künstler, Musiker, Schriftsteller und natürlich diejenigen, die ohnehin dort lebten.

 

Ein Zentrum heißt dabei nicht, dass alles dort passiert.

 

Minna Bunkus sitzt gerade nicht in Paris.

 

Aber eine Geschichte mit sehr vielen Linien braucht einen Punkt, zu dem man immer wieder zurückkehren kann. Sonst wird aus einer Collage irgendwann ein Schrank mit offenen Schubladen.

 

Der Riss

 

Der Erste Weltkrieg liegt im Zentrum des Abends. Vielleicht ist „Zentrum“ aber schon das falsche Wort.

 

Er ist der Riss.

 

Vorher muss die Welt einigermaßen in Ordnung sein. Nicht historisch in Ordnung – 1913 war selbstverständlich kein Paradies –, aber dramaturgisch. Man braucht eine Fallhöhe. Deshalb gibt es am Anfang Kino, populäre Musik, Max Linder mit seiner Badewanne, Satie, eine Welt, die sich bewegt und sich ihrer Zukunft ziemlich sicher zu sein scheint.

 

Dann kommt der Krieg.

 

Bei uns nicht als militärhistorische Zusammenfassung, sondern über einzelne Texte und Musik: August Stramm, Alban Berg, Franz Hessel, Minna Bunkus, Debussy, Ravel. Hessel kauft Schulhefte und schreibt seinem französischen Freund Claude. Minna schreibt an einen unbekannten Soldaten. Ravel erinnert an tote Freunde.

 

Danach kann die Unterhaltung nicht einfach dort weitermachen, wo sie aufgehört hat.

 

Sie kommt zurück, selbstverständlich. Menschen hören nicht auf zu tanzen, weil die Geschichte vernünftigerweise verlangt, dass sie erst einmal zwanzig Jahre still dasitzen. Im Gegenteil: Paris tanzt nach dem Krieg offenbar mit beträchtlicher Energie.

 

Aber es ist eine andere Unterhaltung.

 

Dada

 

Dazwischen liegt Dada.

 

Warum muss nach dem Krieg Dada kommen?

 

Das müsste man eigentlich die Dadaisten fragen. Wahrscheinlich würden sie unterschiedlich antworten und anschließend behaupten, dass die Frage falsch gestellt sei.

 

Mich interessiert daran vor allem, dass nach diesem Krieg auch die Sprache beschädigt ist. Man hat vier Jahre lang mit großen Begriffen hantiert: Vaterland, Ehre, Opfer, Sieg, Heldentum. Danach nehmen Leute eine Zeitung, schneiden die Wörter aus, werfen sie in eine Tüte und erklären das Ergebnis zum Gedicht.

 

Das erscheint mir nicht vollkommen unlogisch.

 

In unserem Abend sagt Alissias Figur irgendwann:

 

„Dada zweifelt an allem.“

 

Der Mann fragt:

 

„Alles?“

 

„Alles.“

 

Damit ist schon ziemlich viel gesagt.

 

Der Mann und das Kind

 

Diese beiden Figuren halten den Abend zusammen.

 

Der Mann ist die Konstante. Er war schon lange in Paris und wird vermutlich auch dort bleiben. Die Stadt kennt er jedenfalls besser als das Kind, das am Anfang neu hineinkommt.

 

Das Kind verändert sich.

 

Es beginnt als junges Mädchen und steht am Ende anders da als am Anfang. Nicht plötzlich mit einer vollkommen neuen Persönlichkeit, sondern mit einer Stimme, die im Laufe des Abends selbstständiger wird. Aus jemandem, der zunächst fragt, wird jemand, der Texte setzt, widerspricht und schließlich schreibt.

 

Der Mann bleibt.

 

Das Kind geht weiter.

 

Und dazwischen liegt diese merkwürdige Dekade.

 

Gleichzeitigkeit

 

Musik und Texte übernehmen dabei unterschiedliche Dinge, aber ich würde ungern ein System daraus machen. Musik kann etwas stehen lassen, wo Sprache anfangen würde zu erklären. Ein Brief kann wiederum etwas so präzise sagen, dass jede Musik daneben überflüssig wäre. Ein Stummfilm kann in drei Minuten mehr über eine Welt erzählen als fünf Seiten Einführung. Und manchmal braucht man genau fünf Seiten Einführung.

 

Am deutlichsten wird das vielleicht in der großen Collage gegen Ende.

 

Da laufen Musik und historische Stimmen gleichzeitig. Paris tanzt wieder, Jazz taucht auf, von neuen Rhythmen ist die Rede, von neuen Tanzlokalen, von Ruinen, Politik, Europa und einer Welt, die sehr schnell beschlossen hat, wieder weiterzumachen.

 

Genau deshalb möchte ich in ZEITENWENDEN nicht erklären, wie alles zusammenhängt.

 

Es hängt ja gerade nicht ordentlich zusammen.

 

Es passiert gleichzeitig.

 

Und möglicherweise ist das schon genug.

 
 
 

Kommentare


bottom of page