Honigkuchen


Auf den Brief von Minna Bunkus bin ich nicht in irgendeinem Archivkeller gestoßen. Er steht im Netz.
Das Lebendige Museum Online, LeMO, gehört zu diesen Seiten, auf denen man eigentlich nur kurz etwas nachsehen will und dann zwei Stunden später bei der Lebensgeschichte eines Menschen gelandet ist, von dem man vorher noch nie gehört hatte. Biografien, Briefe, Fotografien, Zeitzeugenberichte aus ganz verschiedenen Jahrhunderten; eine Art historischer Kaninchenbau. Wenn man dort nach Feldpost sucht, kommt man ziemlich schnell zu Minna.
Minna
„Lieber Soldat ich heiße Minna Bunkus bin 13 Jahre alt.“
Schon die Rechtschreibung hält mich fest. Nicht, weil Fehler irgendwie besonders authentisch wären, sondern weil man sofort eine Stimme hört. Die Sätze sind knapp, manchmal etwas ungehalten, kaum geglättet, und ich habe beim Lesen sehr schnell ein Mädchen vor Augen gehabt, über das ich eigentlich fast nichts weiß. Ich weiß nicht, wie Minna aussah. Ich weiß nicht, was später aus ihr geworden ist. Vielleicht ist das auch ganz gut so.
Sie ist dreizehn, die Älteste von fünf Geschwistern. Ihr Vater ist ebenfalls im Krieg, an der russischen Grenze, und hat schon lange nicht geschrieben. Minna lebt „bei fremden Leuten“, wie sie schreibt, und muss sich ihr Brot selbst verdienen. Die Frau dort hat ihr Wolle gegeben. Minna hat gestrickt.
Die Sachen schickt sie einem Soldaten, den sie nicht kennt.
Das war keine spontane Privataktion eines holsteinischen Mädchens, das irgendwoher eine Feldpostadresse bekommen hatte, sondern Teil jener organisierten Versorgung und Liebesgabensammlungen, mit denen auch die Heimat in den Krieg eingebunden wurde. Erwartbar ist dabei fast alles: Ein Mädchen strickt. Ein Soldat bekommt warme Sachen. Weihnachten steht vor der Tür.
Und dann ist da eben Minna.
Erna Pillmann
Vielleicht hat mich der Brief auch deshalb sofort an Erna Pillmann erinnert, geborene Rumpel, meine alte Nachbarin in Neukölln. Berliner Name, Berliner Frau. Jahrgang 1911. Mit achtzehn zog sie 1929 in die Nachbarwohnung und blieb dort bis zu ihrem Tod 2016. Sie wurde 105.
Ihr Vater war im Ersten Weltkrieg gefallen, bei Verdun. Erna war damals ein kleines Kind, hatte aber noch Erinnerungen an ihn. Ich habe ein Foto gesehen, auf dem sie 1917 mit ihrer Schultüte steht, und sie konnte noch als sehr alte Frau Gedichte auf den Kaiser auswendig, die sie in der Schule gelernt hatte.
Später war sie in den zwanziger Jahren offenbar alles andere als das brave kleine Mädchen aus dem Kaiserreich. Sie ging aus, war Bergsteigerin, hatte ein sehr langes Leben hinter sich und ärgerte sich mit ungefähr hundert Jahren darüber, dass sie ihre Gardinen nicht mehr allein aufhängen konnte.
Ich mochte sie sehr.
Wenn man jemanden wie Erna gekannt hat, schrumpfen hundert Jahre manchmal ziemlich zusammen. 1917 ist dann nicht mehr schwarzweiß und weit weg. Da steht plötzlich ein Mädchen mit einer Schultüte, das später in Neukölln nebenan wohnt und sich darüber beschwert, dass hundertjährige Frauen beim Gardinenaufhängen inzwischen unnötig bevormundet werden.
Minna kenne ich nicht.
Von ihr habe ich nur diesen Brief.
„Habe diese Sachen selber gestrickt.“
Auch ihr eigener Vater ist irgendwo im Krieg. Dass Familienväter eingezogen werden, ist damals nichts Außergewöhnliches; gerade deshalb muss man daraus keine besondere Geschichte machen. Minna bittet den unbekannten Soldaten, gesund zu seinen Lieben zurückzukehren, und außerdem soll er ruhig einmal etwas von sich hören lassen.
Dann ihre Adresse.
Minna BunkusBrunsbüttelkoogKarlstraße N. 39in Holstein.
Ein Brief auf der Bühne
Bei ZEITENWENDEN sitzt Alissia am Tisch und liest den Brief. Sie ist ungefähr in Minnas Alter. Mehr Inszenierung braucht die Stelle nicht.
Unmittelbar davor steht Franz Hessel, dreiunddreißig Jahre alt, deutscher Rekrut, gebildet, europäisch, voller Erinnerungen an Paris und an eine Welt, die einmal anders gedacht war. Danach kommt Debussys Berceuse héroïque.
Drei vollkommen verschiedene Stimmen.
Und irgendwo in den Vermerken zu Minnas Brief taucht noch ein Päckchen mit Honigkuchen auf.



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