Max Linder, Erik Satie und eine Badewanne


Von Max Linder habe ich zum ersten Mal durch meinen Freund Monty Arnold gehört, der Stummfilme auf eine Weise erzählt, die ein bisschen an das erinnert, was Hans-Dieter Hüsch in den siebziger Jahren fürs Fernsehen gemacht hat: nicht kommentieren, was ohnehin zu sehen ist, sondern einen Film durch Sprache noch einmal öffnen, manchmal auch gegen das Bild erzählen und vor allem nie so tun, als seien hundert Jahre alte Filme automatisch hundert Jahre weit weg.
Monte machte mich also auf Max Linder aufmerksam. Ich sah mir einige Filme an und war einigermaßen verblüfft.
Linder war bereits ein international erfolgreicher Filmkomiker, als Laurel und Hardy noch nicht Laurel und Hardy waren. Was mich aber weniger interessiert als solche filmhistorischen Ranglisten, ist etwas anderes: wie wenig alt sein Spiel aussieht. Natürlich gibt es die Gesten des Stummfilms, und natürlich bewegt er sich in einer Welt, deren Möbel, Kleidung und soziale Regeln nicht unsere sind. Aber er spielt nicht diese seltsame Vorstellung von „Stummfilm“, die sich später daraus entwickelt hat – hektisches Gefuchtel, aufgerissene Augen, alles drei Nummern größer als nötig. Max Linder schaut, wartet, reagiert. Würde man ihn heute in eine Komödie neben Hugh Grant stellen, müsste man ihm vermutlich vor allem erklären, warum alle plötzlich reden.
Eine Badewanne vor dem Krieg
Einer dieser Filme ist Max prend un bain. Das Grundproblem ist überschaubar: Max möchte baden. Er besitzt schließlich auch eine Badewanne. Nur befinden sich Badewanne und warmes Wasser nicht unbedingt am selben Ort, und aus dieser Differenz entwickelt sich allmählich eine ziemlich erhebliche häusliche Katastrophe.
Für ZEITENWENDEN brauchte ich genau so etwas. 1913 soll bei uns nicht von Anfang an wissen, dass 1914 kommt. Die Menschen gingen ins Kino, sie hörten Musik, sie hatten Liebesgeschichten, schlechte Abende und offenbar Probleme damit, eine Badewanne sinnvoll in einer Wohnung unterzubringen. Der Krieg kommt früh genug.
Und dann war da Satie.
Satie
Erik Satie sollte ohnehin eine Art Schatten des ganzen Abends werden, vielleicht eher ein Geist, der immer wieder auftaucht, denn kaum jemand verbindet für mich so viele der musikalischen Linien dieser Zeit und steht dabei gleichzeitig so eigentümlich daneben. Dieser vollkommen unbürgerliche Mann, den die Jüngeren interessant fanden und dessen Wohnung nach seinem Tod eine Ansammlung aus übereinandergestellten Klavieren, ungeöffneten Briefen, identischen Kleidungsstücken und einem bemerkenswerten Vorrat an Regenschirmen offenbarte, passt schlecht in die übliche Vorstellung vom ehrwürdigen französischen Komponisten.
Besonders schön ist seine Musique d’ameublement.
Die Idee ist eigentlich großartig und absurd zugleich: Musik, die nicht im Mittelpunkt stehen soll, sondern Teil der Umgebung wird, zwischen Gesprächen, Besteckgeklapper und anderen Geräuschen. Hintergrundmusik, bevor Hintergrundmusik zu jener akustischen Tapete wurde, vor der heute kaum ein Hotelaufzug sicher ist.
Das Problem ist nur: Diese Musik kann einem durch ihre Wiederholungen sehr schnell ziemlich auf die Nerven gehen.
Für einen Stummfilm ist das außerordentlich nützlich.
Bei Max prend un bain treibt gerade diese Wiederholung die Handlung vorwärts. Man hört dieselbe kleine musikalische Maschine wieder und wieder, aber inzwischen hat sich im Bild längst etwas verschoben, verschärft oder in eine neue Absurdität hineingearbeitet. Die Musik muss also gar nicht jede Bewegung kommentieren. Sie kann stur bleiben, während der Film eskaliert.
Stummfilmmusik
Das ist mir bei Stummfilmmusik ohnehin wichtig. Es gab schon damals ambitionierte, genau auf Filme zugeschnittene Partituren, sehr viel häufiger aber wurde improvisiert oder auf Sammlungen zurückgegriffen, in denen für praktisch jede denkbare Situation Musik bereitlag: Verfolgungsjagd, Romanze, nächtliche Romanze, Gefahr, Spannung und vermutlich irgendwo auch Berggipfel. Das funktionierte, war aber naturgemäß austauschbar.
Mich interessiert das Gegenteil. Nicht bei jedem Stolpern musikalisch mitzustolpern, sondern längere Bögen zu setzen und sehr genau zu entscheiden, wann Musik beginnt, wann sie aufhört und wann sie sich dem Bild widersetzt.
Für den ersten Teil des Films funktioniert Satie dafür wunderbar. Für eine spätere, langsamere Passage brauchte ich allerdings etwas, das seine Musique d’ameublement nicht hergibt. Also habe ich dort selbst Musik geschrieben, stilistisch in derselben Welt, aber mit einem anderen Atem.
Saties Original existiert in verschiedenen Besetzungen; für unser Bläserquintett musste das Material natürlich verteilt werden. Das ist im Vergleich zu Berg keine besonders spektakuläre Operation. Fünf Instrumente, fünf Stimmen, man sorgt dafür, dass es funktioniert.
Wenn die Pointe zum zehnten Mal kommt
Die eigentliche Arbeit beginnt ohnehin erst danach.
Denn eine Komödie bleibt nicht deshalb komisch, weil das Orchester jede Pointe kennt. Die Musiker kennen nach der dritten Probe jeden Schnitt, jede Bewegung und jede Katastrophe mit der Badewanne. Nach der zehnten Probe natürlich erst recht.
Komik ist dann Arbeit.
Und das ist wahrscheinlich ganz passend für Max Linder.



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